Rimac Nevera: Die elektrische Benchmark der Hypercars
Rimac Nevera im Detail: vier Motoren mit 1.914 PS, Rekorde bis 431 km/h, der Nevera R, Preise, Stückzahlen und warum die Produktion Ende 2026 endet.

Kein Elektroauto hat die Debatte über Höchstleistung so geprägt wie der Rimac Nevera. Als er 2021 vorgestellt wurde, nannte der Hersteller 1.914 PS, eine Beschleunigung auf 100 km/h in unter zwei Sekunden und eine Spitze von über 400 km/h. Vor allem beim Sprint lag das jenseits dessen, was Serienautos mit Verbrennungsmotor damals schafften. In den folgenden Jahren ließ Rimac diese Angaben von unabhängigen Messfirmen bestätigen und sammelte Rekord um Rekord. Im Herbst 2026 lohnt eine Bilanz, denn die Geschichte des Nevera erzählt zugleich von den Grenzen des elektrischen Hypercars: Technisch hat er Maßstäbe gesetzt, kommerziell blieb er weit hinter dem Plan zurück.
Von der umgebauten BMW zur eigenen Marke
Mate Rimac, Jahrgang 1988, kaufte mit 18 Jahren einen BMW 323i der Baureihe E30 von 1984 und baute ihn nach einem Motorschaden auf Elektroantrieb um. Mit diesem Auto stellte er mehrere Rekorde für Elektrofahrzeuge auf, die von der FIA und Guinness anerkannt wurden. Im September 2009 gründete er mit 21 Jahren in Sveta Nedelja bei Zagreb das Unternehmen Rimac Automobili. 2011 zeigte er auf der IAA in Frankfurt den Concept One mit 1.305 PS, von dem schließlich nur acht Exemplare gebaut wurden. Der Nachfolger debütierte 2018 als Concept Two auf dem Genfer Autosalon und erhielt zur Serienvorstellung den Namen Nevera, benannt nach den plötzlichen, kurzen Stürmen an der kroatischen Adriaküste. Die erste Auslieferung ging im August 2022 an den früheren Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg, Kunden in den USA erhielten ihre Autos ab Juni 2023. Gebaut wird der Nevera in Handarbeit in Kroatien, gemeinsam mit dem plattformgleichen Pininfarina Battista, im Takt von etwa einem Auto pro Woche.
Parallel wuchs das Zuliefergeschäft. Die Schwesterfirma Rimac Technology liefert Batteriesysteme unter anderem für den Aston Martin Valkyrie und den Koenigsegg Regera, der Pininfarina Battista nutzt die Architektur des Nevera. Porsche beteiligte sich ab 2018, Hyundai und Kia stiegen 2019 ein. Seit November 2021 führt Mate Rimac zudem das Gemeinschaftsunternehmen Bugatti Rimac, an dem die Rimac Group die Mehrheit hält. Wie sich die Marke aus Molsheim seither entwickelt hat, beschreibt das Porträt Bugatti und die 1.500-PS-Marke.
Technik: vier Motoren und eine tragende Batterie
Das Grundprinzip des Nevera ist ein Elektromotor pro Rad. Vorn arbeiten zwei kleinere Maschinen mit je 270 Nm, hinten zwei kräftigere mit je 900 Nm, zusammen ergeben sich nach Herstellerangaben 1.408 kW (1.914 PS) und 2.340 Nm Motordrehmoment. Weil jedes Rad seinen eigenen Antrieb hat, kommt der Nevera ohne mechanische Differenziale aus. Die Software verteilt das Moment radindividuell: Sie kann dem kurvenäußeren Hinterrad mehr Antrieb geben und dem inneren gleichzeitig über den Motor ein Bremsmoment abverlangen. Dieses Torque Vectoring ersetzt, was bei Verbrennern Sperrdifferenziale und Bremseingriffe leisten, und es arbeitet antreibend wie rekuperierend. Die Grundlagen der Kraftverteilung erklärt der Beitrag Allrad gegen Heckantrieb im Supercar.
Herzstück der Struktur ist ein Kohlefaser-Monocoque, in das die Batterie als tragendes Element integriert ist, das Carbondach ist verklebt. Der Akku fasst 120 kWh und besteht aus 6.960 zylindrischen Zellen im Format 21700. Rimac nennt eine WLTP-Reichweite von 489 Kilometern bei einem Verbrauch von 30,0 kWh auf 100 Kilometer. An einer Gleichstromsäule mit 500 kW soll der Akku in 19 Minuten von 0 auf 80 Prozent laden, an einer 350-kW-Säule in 25 Minuten, Wechselstrom nimmt der Nevera dreiphasig mit 22 kW auf. Für den Sprint auf 100 km/h nennt Rimac inzwischen 1,81 s, für 300 km/h 9,22 s und für die Viertelmeile 8,25 s. Der Preis dafür ist Gewicht: Rimac gibt rund 2.300 kg an, ein McLaren W1 mit 1.275 PS wiegt trocken knapp 1.400 kg. Warum das auf der Rennstrecke stärker zählt als beim Sprint, vertieft der Vergleich Verbrenner gegen Elektro-Hypercar.
Die Rekorde im Überblick
Rimac hat den Nevera konsequent als Messinstrument eingesetzt und die Werte von Messtechnikfirmen wie Dewesoft und Racelogic dokumentieren lassen. Die wichtigsten Marken:
| Zeitpunkt | Modell | Disziplin | Wert | Ort und Prüfung |
|---|---|---|---|---|
| November 2022 | Nevera | Höchstgeschwindigkeit | 412 km/h | Papenburg, GPS-Messung mit Racelogic |
| Frühjahr 2023 | Nevera | 0 auf 400 km/h und zurück | 29,93 s | Papenburg, einer von 23 Rekorden an einem Tag, Dewesoft und Racelogic |
| Juli 2023 | Nevera | Bergstrecke Goodwood | 49,32 s | Bestzeit für Serien-Elektroautos |
| August 2023 | Nevera | Nordschleife, 20,832 km | 7:05,298 min | Fahrer Martin Kodrić, Messung unter anderem durch TÜV SÜD |
| 2023 | Nevera | Rückwärtsfahrt | 275,74 km/h | Papenburg, Guinness World Records |
| Juli 2025 | Nevera R | Höchstgeschwindigkeit | 431,45 km/h | Dewesoft |
| Juli 2025 | Nevera R | 0 auf 400 km/h und zurück | 25,79 s | einer von 24 Rekorden, Dewesoft |
Wichtig ist der Kontext. Die 412 km/h von 2022 wurden mit GPS-Technik dokumentiert, aber nicht von Guinness abgenommen. Beim Lauf auf 400 km/h und zurück entwickelte sich ein Duell mit Koenigsegg: Einen Monat nach dem Nevera unterbot der Regera dessen 29,93 s im Jahr 2023 mit 28,81 s, 2024 legte der Jesko Absolut 27,83 s vor, bevor der Nevera R im Juli 2025 auf 25,79 s kam. Andere Bestmarken sind inzwischen gefallen. Auf der Nordschleife waren der Xiaomi SU7 Ultra (7:04,957 min, April 2025), der Yangwang U9 Xtreme (6:59,157 min, August 2025) und ein Porsche Taycan Turbo GT mit Manthey-Paket (6:55,533 min, April 2026) schneller. Bei der Höchstgeschwindigkeit fuhr ein Yangwang U9 im August 2025 472,41 km/h, im September 2025 meldete BYD für den U9 Xtreme 496,22 km/h in einer Richtung. Wie diese Werte im Vergleich mit Verbrennern einzuordnen sind, zeigt der Beitrag über die schnellsten Serienautos der Welt.
Der Rückwärtsrekord wirkt wie eine Spielerei, sagt aber etwas über den Antrieb aus: Ein Elektromotor dreht in beide Richtungen mit derselben Kraft, einen Rückwärtsgang im klassischen Sinn gibt es nicht. Begrenzend wirken Software, Fahrstabilität und eine Aerodynamik, die für die Vorwärtsfahrt ausgelegt ist. Aussagekräftiger ist der Lauf auf 400 km/h und zurück zum Stillstand. Er misst nicht nur die Beschleunigung, sondern auch, wie zuverlässig Bremsen und Rekuperation die Energie wieder abbauen, und zwar unmittelbar nach einer Volllastphase, in der Batterie und Motoren bereits heiß sind.
Nevera R und Sonderserien
Im August 2024 stellte Rimac den Nevera R vor, eine auf die Rennstrecke zugeschnittene Variante mit 2.107 PS (1.550 kW). Ein fest stehender Heckflügel und ein größerer Diffusor erhöhen laut Hersteller den Abtrieb um 15 Prozent und die aerodynamische Effizienz um 10 Prozent. Die Batterie fasst nach Rimac-Angaben 108 kWh, die Höchstgeschwindigkeit nennt der Hersteller mit 430 km/h, übertroffen bei der Messfahrt 2025. Der Nevera R ist auf 40 Exemplare begrenzt und kostet ab 2,3 Millionen Euro (Stand 2025). Bei den Rekordfahrten im Juli 2025 erreichte er 100 km/h nach 1,72 s und 300 km/h nach 7,89 s, die Viertelmeile absolvierte er in 7,90 s.
Schon 2023 hatte Rimac den Nordschleifen-Rekord mit dem Nevera Time Attack gefeiert, einer auf zwölf Fahrzeuge begrenzten Edition, die bei The Quail in Kalifornien präsentiert wurde. Solche Sonderserien folgen der Logik, die aus dem Verbrennerlager bekannt ist: Wer eine Rekordgeschichte erzählen kann, verkauft Exklusivität. Beim Nevera hat das nur begrenzt funktioniert.
Preis, Stückzahl und Nachfrage
Geplant waren 150 Exemplare des Nevera und 40 des Nevera R. In Großbritannien nennt die Fachzeitschrift evo einen Grundpreis ab 1,72 Millionen Pfund, umgerechnet rund zwei Millionen Euro (Stand 2026). Im Mai 2024 erklärte Mate Rimac, dass gut 50 Autos ausgeliefert seien, und führte die zähe Nachfrage darauf zurück, dass Käufer in dieser Preisklasse lieber Verbrenner kaufen. Bei Auktionen in den USA blieben Gebote teils deutlich unter dem Neupreis. Nach Berichten britischer Fachmedien vom Oktober 2026 endet die Produktion Ende 2026 nach insgesamt rund 71 Fahrzeugen, also weniger als der Hälfte der ursprünglichen Planung. Rimac hat zudem durchblicken lassen, dass ein künftiges Hypercar des Hauses wohl kein reines Elektroauto sein wird.
Die Gründe liegen nicht in der Technik, sondern im Markt. Wer zwei Millionen Euro für ein Auto ausgibt, sucht selten den schnellsten Sprint, sondern Klang, Mechanik, Markengeschichte und Wertstabilität. Ein Elektroauto mit 2,3 Tonnen liefert Beschleunigung im Überfluss, aber wenig von dem, was Sammler emotional bindet. Hinzu kommt, dass Elektro-Leistung schnell billiger wird. Der Yangwang U9 von BYD kostete zum Marktstart in China umgerechnet rund 215.000 Euro, und seine Rennstreckenableger haben die Bestmarken des Nevera übertroffen. Das schmälert den Exklusivitätswert eines reinen Beschleunigungsrekords.
Was vom Nevera bleibt
Gemessen an seinen Verkaufszahlen ist der Nevera kein Erfolg, gemessen an seinem Einfluss schon. Er hat gezeigt, dass ein Serien-Elektroauto über 400 km/h erreichen und eine Nordschleifenrunde um sieben Minuten fahren kann. Er hat außerdem einen neuen Stil der Rekorddokumentation etabliert: Dutzende Disziplinen an einem Tag, extern gemessen, mit Daten von Messtechnikfirmen statt Stoppuhr. Dass Hersteller wie BYD mit dem Yangwang U9 oder Xiaomi mit dem SU7 Ultra gezielt die Bestmarken des Nevera angriffen, zeigt, wen sie als Maßstab betrachteten.
Für Rimac war der Nevera ein teures, aber wirksames Schaufenster. Die Kompetenz in Batterie, Leistungselektronik und Antriebssoftware verkauft das Unternehmen an andere Hersteller weiter, und mit Bugatti Rimac steuert Mate Rimac inzwischen eine der traditionsreichsten Hypercar-Marken. Für Sammler bleibt der Nevera ein seltenes Stück Technikgeschichte mit weniger als 100 gebauten Exemplaren. Ob der Markt das langfristig honoriert, ist offen. Fest steht, dass dieses Auto die Frage beantwortet hat, ob Elektroantrieb an der Spitze mithalten kann, und zugleich die Frage aufgeworfen hat, ob Leistung allein an der Spitze noch genügt.


