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Lamborghini: Die schöne Provokation aus Sant'Agata

Lamborghini vom Traktorenbauer bis zum Temerario: Miura, Countach, Krisenjahre, Audi-Zeit, die Stiernamen und warum die ganze Palette heute hybrid fährt.

Kantiger, extremer Lamborghini-Supersportwagen mit Scherentüren

Anders als Ferrari oder Maserati kommt Lamborghini nicht aus dem Rennsport. Der Gründer baute Traktoren, die ersten Supersportwagen entstanden als Feierabendprojekt junger Ingenieure, und die bekanntesten Modelle waren immer auch eine Kampfansage an das Etablierte. Sechs Jahrzehnte, eine Insolvenz und eine lange Reihe von Eigentümern später ist aus der Provokation ein profitables Unternehmen im Audi-Konzern geworden. Die Geschichte erklärt, warum ein Lamborghini bis heute anders aussieht als alles andere auf der Straße und warum die Marke trotzdem erstaunlich planvoll geführt wird.

Ein Traktorenbauer fordert Maranello heraus

Ferruccio Lamborghini, geboren am 28. April 1916 in Renazzo di Cento in der Emilia-Romagna, baute nach dem Zweiten Weltkrieg aus Restbeständen des Militärs seinen ersten Traktor und gründete 1948 die Firma Lamborghini Trattori. Das Geschäft lief so gut, dass er sich die schnellsten Sportwagen seiner Zeit leisten konnte, Ferrari eingeschlossen. Die Gründungslegende ist oft erzählt worden: Lamborghini habe sich bei Enzo Ferrari über Mängel an seinem Wagen beschwert und sei als Traktorenhersteller abgefertigt worden. Er selbst hat die Begegnung 1991 in einem Interview so geschildert. Historiker halten die nüchterne Erklärung allerdings für mindestens ebenso wichtig: Sportwagen versprachen weit höhere Margen als Landmaschinen.

Am 7. Mai 1963 gründete er in Sant'Agata Bolognese die Automobili Ferruccio Lamborghini. Der erste Prototyp 350 GTV entstand noch im selben Jahr und blieb ein Einzelstück. Das erste Serienauto, der 350 GT, war ein kultivierter Gran Turismo mit V12-Frontmotor, 1966 folgten der 400 GT und der 400 GT 2+2. Werksrennsport gehörte unter Ferruccio nicht zum Programm. Er wollte schnelle und zugleich komfortable Straßenautos bauen.

Miura und Countach: die Erfindung des Supersportwagens

Den eigentlichen Durchbruch lieferten drei Mitarbeiter. Giampaolo Dallara, Paolo Stanzani und Testfahrer Bob Wallace entwickelten 1965 in ihrer Freizeit ein Fahrgestell mit quer eingebautem V12 hinter den Sitzen. Das nackte Chassis stand 1965 auf dem Turiner Salon, das fertige Auto mit der Karosserie von Marcello Gandini, damals Designer bei Bertone, debütierte 1966 in Genf. Der Miura P400 leistete aus 3,9 Litern 350 PS und gilt vielen als erster Supersportwagen im heutigen Sinn: ein flaches, zweisitziges Straßenauto mit Mittelmotor, wie man ihn bis dahin nur aus dem Rennwagenbau kannte. Bis 1973 entstanden 764 Exemplare.

Der Nachfolger trieb das Prinzip auf die Spitze. 1971 zeigte Bertone in Genf den Prototyp LP 500, wieder von Gandini gezeichnet: ein scharfkantiger Keil mit nach oben schwingenden Türen. Der Name Countach geht auf einen Ausruf des Erstaunens im Piemontesischen zurück und ist damit die bekannteste Ausnahme von der Stier-Tradition. Das Serienmodell LP400 kam 1974 mit 375 PS aus 3,9 Litern, der V12 saß nun längs, was die Buchstaben LP für longitudinale posteriore ausdrücken. Der Countach gilt als erstes Serienauto mit Scherentüren und blieb bis 1990 im Programm, insgesamt wurden 1.983 Exemplare gebaut. Kaum ein Auto hat das Bild vom Supersportwagen als Poster an der Kinderzimmerwand so geprägt.

Pleiten, Eigentümer und Chrysler

Wirtschaftlich war die Marke in dieser Zeit ein Abenteuer. Als die Traktorensparte Anfang der 1970er Jahre wichtige Exportaufträge verlor, verkaufte Ferruccio 1972 die Traktorenfirma an den Konkurrenten SAME und 51 Prozent der Autofirma an den Schweizer Georges-Henri Rossetti. Die übrigen 49 Prozent gingen bis 1974 an René Leimer, Ferruccio zog sich auf sein Weingut am Trasimenischen See zurück. 1978 folgte die Insolvenz, ab 1980 führten die Brüder Jean-Claude und Patrick Mimran das Unternehmen unter Zwangsverwaltung und übernahmen es bis 1984 ganz. 1987 kaufte Chrysler die Marke.

Unter Chrysler entstand der Diablo, der 1990 den Countach ablöste. Sein 5,7-Liter-V12 leistete knapp 500 PS, die Höchstgeschwindigkeit lag bei rund 325 km/h. Bis 2001 wurden rund 2.900 Exemplare gebaut. Chrysler verkaufte Lamborghini 1994 an die Investorengruppe MegaTech, 1995 übernahmen Mycom Setdco und V'Power. Ruhe kehrte erst ein, als die Marke 1998 an Audi ging. Ferruccio Lamborghini erlebte die Übernahme nicht mehr, er starb am 20. Februar 1993 in Perugia.

Unter Audi: vom Abenteuer zum Geschäft

Audi brachte, was Lamborghini fehlte: Kapital, Qualitätssicherung und Zugang zu Konzerntechnik. Das erste unter Audi entwickelte Modell war der Murciélago (2001 bis 2010) mit 6,2-Liter-V12 und 580 PS, gezeichnet vom Belgier Luc Donckerwolke. Den eigentlichen Sprung in der Stückzahl brachte der kleinere Gallardo mit V10-Motor: Er kam in zehn Jahren auf 14.022 Exemplare, nahezu die Hälfte aller bis dahin gebauten Lamborghini. Sein Nachfolger Huracán erreichte dieselbe Zahl 2019 nach nur fünf Jahren.

Der Aventador, ab 2011 Nachfolger des Murciélago, brachte ein Monocoque aus Kohlefaser und 700 PS aus 6,5 Litern. Als 2022 der letzte Wagen das Werk verließ, waren es 11.465 Exemplare, mehr als von Miura, Countach, Diablo und Murciélago zusammen. Mit dem SUV Urus, seit 2018 auf dem Markt, verfolgte Lamborghini dann das Ziel, die Verkäufe bis 2019 zu verdoppeln. 2025 lieferte die Marke 10.747 Autos aus, das dritte Jahr in Folge mehr als 10.000. Der Umsatz stieg um 3,3 Prozent auf rund 3,2 Milliarden Euro, das operative Ergebnis sank wegen ungünstiger Wechselkurse und US-Zöllen auf 768 Millionen Euro. Größter Markt war die Region Europa, Nahost und Afrika mit 4.650 Autos vor Amerika mit 3.347 und Asien-Pazifik mit 2.750.

V12-SpitzenmodellBauzeitMotorLeistungStückzahl
Miura1966 bis 19733,9-Liter-V12, quer350 PS (P400)764
Countach1974 bis 19903,9-Liter-V12, längs (LP400)375 PS (LP400)1.983
Diablo1990 bis 20015,7-Liter-V12knapp 500 PSrund 2.900
Murciélago2001 bis 20106,2-Liter-V12580 PS4.099
Aventador2011 bis 20226,5-Liter-V12700 PS11.465
Revueltoseit 2023V12-Saugmotor plus drei E-Motoren1.015 CV Systemleistunglaufende Produktion

Stiere als Namensgeber

Ferruccio war im Sternzeichen Stier geboren und begeisterte sich für den spanischen Stierkampf. 1962 besuchte er die Zucht von Don Eduardo Miura bei Sevilla, ein Besuch, der zum Stier im Markenzeichen und zum Namen des Miura führte. Seither tragen fast alle Modelle Namen von Kampfstieren. Der Diablo erinnert an einen legendären Stier, der Murciélago an ein Tier, das 1879 in Córdoba einen Kampf überlebte und danach als Zuchtbulle berühmt wurde, der Aventador an einen Stier aus Saragossa, der 1993 durch seinen Mut auffiel.

Bei den jüngsten Modellen hat der Name oft eine zweite Ebene. Revuelto hieß ein Stier, der in den 1880er Jahren in Barcelona mehrfach über die Absperrung ins Publikum sprang, das Wort bedeutet zugleich „gemischt“ und passt damit zum ersten Hybrid-V12. Temerario war nach Angaben von Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann ein Kampfstier von 1875, auf Italienisch heißt das Wort kühn oder verwegen. Das 2025 vorgestellte Sondermodell Fenomeno erinnert an einen Stier, der 2002 im mexikanischen Morelia begnadigt wurde. Der Urus schließlich trägt den lateinischen Namen des Auerochsen, des Urahns aller Hausrinder.

Design als Programm

Gandinis Keilform hat die Marke nie losgelassen. Auch fünfzig Jahre nach dem Countach sind Lamborghini flacher, kantiger und lauter gezeichnet als die Konkurrenz, mit scharfen Kanten, sechseckigen Formen und Leuchtengrafiken in Y-Form. Die Scherentüren sind dabei den V12-Spitzenmodellen vorbehalten, vom Countach über Diablo, Murciélago und Aventador bis zum Revuelto. Die Modelle mit V8 oder V10 und der Urus haben konventionelle Türen. Gezeichnet wird im hauseigenen Centro Stile, das 2025 sein zwanzigjähriges Bestehen feierte.

Hinter der Show steckt mehr Technik, als die Optik vermuten lässt. Mit der aktiven Aerodynamik ALA zeigte Lamborghini im Huracán Performante, dass sich Abtrieb über Klappen und Luftkanäle in Frontspoiler und Heckflügel gezielt zu- und abschalten lässt, die Grundlagen erklärt der Beitrag Aktive Aerodynamik im Supercar. Ebenso gehört der Klang zur Markenidentität: Der V8 des Temerario dreht bis 10.000/min, nach Werksangabe als einziger straßenzugelassener Motor seiner Art. Warum Drehzahl und Zylinderzahl den Sound so stark prägen, steht unter Der perfekte Supercar-Sound.

Die Hybridpalette und der Weg nach 2030

Mit dem Strategieprogramm Direzione Cor Tauri hat Lamborghini seine gesamte Palette elektrifiziert. Den Anfang machte im März 2023 der Revuelto, der zum 60. Geburtstag der Marke einen neuen V12-Saugmotor mit drei Elektromotoren kombiniert: zwei Axialflussmotoren an der Vorderachse und ein Radialflussmotor über dem Getriebe. Zusammen leisten sie 1.015 CV, erstmals arbeitet bei einem Lamborghini-V12 ein Doppelkupplungsgetriebe mit acht Gängen. Im August 2024 folgte der Temerario als Nachfolger des Huracán mit V8-Biturbo, drei E-Motoren und 920 CV, den Sprint auf 100 km/h gibt das Werk mit 2,7 Sekunden an, die Spitze mit über 340 km/h. Der Urus SE schließlich kombiniert V8 und Plug-in-Technik zu 800 CV. Wie sich diese Autos in die Generation der Hybrid-Supersportwagen einordnen, zeigt der Beitrag Hybrid-Hypercars.

Darüber stehen Sammlerstücke wie der Fenomeno, ein auf 29 Exemplare limitiertes Few-Off-Modell mit rund 1.080 CV, das im August 2025 bei der Monterey Car Week debütierte. Den Schritt zum reinen Elektroauto hat Lamborghini dagegen vertagt. Das 2023 als Elektrostudie gezeigte vierte Modell Lanzador kommt nach den Ende 2025 getroffenen und im Februar 2026 bekannt gewordenen Plänen als Plug-in-Hybrid, voraussichtlich 2029. Auch der nächste Urus bleibt Plug-in-Hybrid, bis 2030 soll die gesamte Palette aus solchen Modellen bestehen. Winkelmann begründete den Kurswechsel mit der geringen Nachfrage der Kundschaft nach elektrischen Supersportwagen. Für eine Marke, die vom Auftritt lebt, ist das konsequent: Lamborghini verkauft vor allem Drama, und das Drama hat bisher einen Auspuff.

◦ Häufige Fragen
Hat Ferruccio Lamborghini wirklich wegen Enzo Ferrari Sportwagen gebaut?
Die Geschichte vom abgewiesenen Traktorenbauer hat Ferruccio Lamborghini 1991 selbst erzählt, belegen lässt sie sich darüber hinaus kaum. Historiker betonen, dass wirtschaftliche Gründe mindestens ebenso wichtig waren, denn Sportwagen versprachen weit höhere Margen als Traktoren. Die Anekdote ist also eher Teil des Mythos als die ganze Erklärung.
Welche Lamborghini haben Scherentüren?
Scherentüren sind traditionell den V12-Spitzenmodellen vorbehalten: Countach, Diablo, Murciélago, Aventador und heute der Revuelto. Der Miura hatte noch konventionelle Türen. Auch die Modelle mit V8 oder V10 wie Gallardo, Huracán und Temerario sowie der Urus öffnen klassisch.
Gibt es einen elektrischen Lamborghini?
Nein, und vorerst ist auch keiner geplant. Der als Elektroauto angekündigte Lanzador soll nach den 2026 bekannt gewordenen Plänen als Plug-in-Hybrid kommen, voraussichtlich 2029. Bis 2030 soll die gesamte Palette aus Plug-in-Hybriden bestehen, ein reines Elektroauto schließt die Marke langfristig aber nicht aus.
Wem gehört Lamborghini?
Seit 1998 gehört Lamborghini zu Audi und damit zum Volkswagen-Konzern. Davor wechselte die Marke mehrfach den Besitzer, unter anderem gehörte sie von 1987 bis 1994 zu Chrysler. Firmensitz und Produktion liegen bis heute in Sant'Agata Bolognese.