Restomod-Supercar: Klassiker mit moderner Technik neu gedacht
Restomods von Singer, Kimera, Automobili Amos und Eccentrica: was hinter den Umbauten steckt, was Zulassung und H-Kennzeichen verlangen und was sie wert sind.

Die Karosserie stammt aus einer anderen Epoche, Motor, Bremsen, Fahrwerk und Elektronik aus der Gegenwart: Das ist der Kern eines Restomods, eines Kunstworts aus Restauration und Modifikation. Was als Nische begann, ist zu einem eigenen Marktsegment geworden, in dem einzelne Fahrzeuge mehr kosten als viele neue Supersportwagen. Damit stellen sich Fragen, die bei einem Neuwagen niemand stellt: Was ist ein solches Auto technisch und rechtlich, wer baut es, und was ist es am Ende wert?
Was ein Restomod ist und was nicht
Ein Restomod beginnt fast immer mit einem vorhandenen Fahrzeug, dem Spender. Dessen Identität, also Fahrgestellnummer und Papiere, bleibt erhalten, während Technik und oft auch große Teile der Karosserie ersetzt werden. Das unterscheidet ihn von drei verwandten Kategorien. Eine klassische Restaurierung strebt den Originalzustand an, jede Abweichung mindert dort den Wert. Bei einer Continuation-Serie baut der Hersteller selbst ein historisches Modell nach, mit neuen Fahrgestellnummern. Eine Replika schließlich ist ein Neubau, der nur so aussieht wie das Vorbild.
Wie tief der Eingriff geht, variiert stark. Am einen Ende stehen behutsame Modernisierungen mit besseren Bremsen, abgestimmtem Fahrwerk und Klimaanlage, am anderen fast komplette Neukonstruktionen, bei denen vom Spender kaum mehr als ein Teil der Struktur bleibt. Beim Kimera EVO37 etwa stammt nur noch die Fahrgastzelle mit der Fahrgestellnummer aus einem Lancia Beta Montecarlo, die Karosserie besteht vollständig aus Kohlefaser. Für die Zulassung und für den späteren Wert ist dieser Unterschied entscheidend.
Singer: Der Maßstab aus Los Angeles
Rob Dickinson, früher Sänger und Gitarrist der britischen Band Catherine Wheel, gründete Singer Vehicle Design 2009 in Los Angeles; der Name erinnert an den Porsche-Ingenieur Norbert Singer. Das Geschäftsmodell ist bis heute gleich: Der Kunde schickt einen eigenen Porsche 911 der Generation 964, die von 1989 bis 1994 verkauft wurde, und beauftragt eine individuelle Restaurierung. Singer zerlegt den Wagen, ersetzt Karosserieteile durch Carbon, gestaltet ihn im Stil früherer Elfer und baut Motor, Fahrwerk und Innenraum nach Wunsch neu auf. Für das Grundmodell Classic Study wurden Preise ab mehr als 475.000 US-Dollar berichtet, also deutlich über 400.000 Euro, das Spenderauto nicht eingerechnet.
Den Ruf verdankt Singer auch seinen Technikpartnern. Für die 2018 vorgestellte Dynamics and Lightweighting Study (DLS) arbeitete die Firma mit Williams Advanced Engineering zusammen, am Motor wirkte der frühere Porsche-Motorenkonstrukteur Hans Mezger mit. 2022 folgte die Turbo Study mit 3,8-Liter-Biturbo und 450 oder 510 hp, 2023 die DLS Turbo mit mehr als 700 hp und einer Optik nach dem Vorbild des Rennwagens 934/5. 2026 stellte Singer neue Carrera-Varianten als Coupé und Cabriolet vor: Der mit Cosworth entwickelte 4,0-Liter-Boxer leistet 420 hp und dreht über 8.000/min. Er hat als erster Singer-Motor eine variable Ventilsteuerung und als erster Singer-Saugmotor wassergekühlte Zylinderköpfe auf luftgekühlten Zylindern. Für Cabriolets und Targas aus dem Turbo-Programm entwickelte Red Bull Advanced Technologies 13 Verstärkungen aus Kohlefaser, die bei der Restaurierung mit der Stahlkarosserie verklebt werden und die Torsionssteifigkeit um 175 Prozent erhöhen.
Ein Vorfall von 2021 zeigt die rechtliche Gratwanderung. Als Singer beim Allradprojekt ACS mit Porsche-Branding auftrat, widersprach Porsche öffentlich, weil der Hersteller an dem Projekt nicht beteiligt war; Singer nahm es daraufhin von Website und Social-Media-Kanälen. Die Firma vermarktet ihre Autos als „Porsche 911 reimagined by Singer“ und spricht konsequent von Restaurierung, nicht von einem eigenen Modell.
Italien: Rallye-Ikonen als Vorlage
Kimera Automobili aus Cuneo im Piemont, gegründet vom früheren Rallyefahrer Luca Betti, präsentierte im Mai 2021 den EVO37, eine Hommage an den Lancia 037. Der hatte 1983 als letztes Auto mit Heckantrieb die Markenwertung der Rallye-Weltmeisterschaft gewonnen und nutzte schon damals die mittlere Struktur des Montecarlo. Der EVO37 ist auf 37 Exemplare limitiert und hat einen 2,15-Liter-Vierzylinder mit Turbolader und zuschaltbarem Roots-Kompressor, für den Kimera 505 PS und 550 Nm angibt. Dazu kommen eine Sechsgang-Handschaltung, Carbon-Keramik-Bremsen von Brembo, eine von Öhlins entwickelte Doppelquerlenker-Hinterachse und rund 1.100 Kilogramm Gewicht. Der Preis lag zum Start bei rund 400.000 Euro netto und stieg bis 2024 schrittweise auf rund 720.000 Euro. Ebenfalls 2024 zeigte Kimera in Genf den EVO38 mit Allradantrieb, rund 600 hp und 38 Exemplaren.
Automobili Amos, eine kleine italienische Manufaktur, nahm sich 2018 die Lancia Delta HF Integrale vor, die Weiterentwicklung jenes Delta, mit dem Lancia zwischen 1987 und 1992 sechsmal die Markenwertung der Rallye-WM gewann. Die Futurista auf Integrale-Basis entstand in 20 Exemplaren mit bis zu 330 PS, der Preis lag bei rund 270.000 Pfund je Fahrzeug, damals umgerechnet gut 300.000 Euro. Beide Beispiele zeigen das italienische Muster: Ausgangspunkt sind Ikonen der Rallye-Gruppen B und A, deren Originale selbst längst Sammlerstücke sind.
Supersportwagen als Spender: Diablo und Giulia
Heikler wird es, wenn ein Supersportwagen selbst als Spender dient. Die Firma Eccentrica baut ihren V12 als Coupé und Roadster, ein Restomod, das den Lamborghini Diablo neu interpretiert. Lamborghini fertigte den Diablo von 1990 bis 2001 in 2.903 Exemplaren; die Grundversion leistete 492 PS, der späte VT 6.0 kam auf 550 PS. Jeder Umbau entzieht dem Markt einen Original-Diablo, und genau daran entzündet sich die Kritik von Puristen. Leistung, Auflage und Preis veröffentlicht Eccentrica auf seiner Website nicht, Interessenten sollten diese Angaben schriftlich anfordern.
Einen anderen Weg geht Alfaholics aus England mit dem GTA-R auf Basis der Giulia-Coupés der Baureihe 105, die Alfa Romeo von 1963 bis 1977 baute. Vorbild ist die Giulia Sprint GTA, die ab 1965 mit Außenhaut aus Aluminium als leichte Rennversion entstand. Weil die Basis kein Kleinserienauto ist, fällt der Konflikt um verbrauchte Originale hier deutlich kleiner aus als beim Diablo.
Die wichtigsten Projekte im Überblick
| Projekt | Spender | Antrieb | Auflage | Preis (Richtwert) |
|---|---|---|---|---|
| Singer Classic und Carrera | Porsche 911 (964) des Kunden | Boxer-Sauger, seit 2026 mit 4,0 l und 420 hp | Einzelaufträge | ab mehr als 475.000 US-Dollar plus Spender |
| Singer DLS Turbo (2023) | Porsche 911 (964) des Kunden | 3,8-l-Biturbo, mehr als 700 hp | limitiert | auf Anfrage |
| Kimera EVO37 (2021) | Lancia Beta Montecarlo (Fahrgastzelle) | 2,15-l-Vierzylinder, Turbo plus Kompressor, 505 PS | 37 | rund 400.000 Euro netto (2021), rund 720.000 Euro (2024) |
| Kimera EVO38 (2024) | nicht veröffentlicht | Allrad, rund 600 hp | 38 | auf Anfrage |
| Automobili Amos Futurista (2018) | Lancia Delta HF Integrale | bis 330 PS | 20 | rund 270.000 Pfund (2018) |
| Eccentrica V12 | Lamborghini Diablo | V12 | nicht veröffentlicht | auf Anfrage |
Recht und Zulassung in Deutschland
Wer ein Restomod in Deutschland zulassen will, bewegt sich im Rahmen der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung. Zentral ist § 19 Abs. 2 StVZO: Die Betriebserlaubnis erlischt, wenn Änderungen die genehmigte Fahrzeugart ändern, eine Gefährdung von Verkehrsteilnehmern erwarten lassen oder das Abgas- oder Geräuschverhalten verschlechtern. Ein anderer Motor, eine neue Bremsanlage oder ein geändertes Fahrwerk fallen regelmäßig darunter. Dann braucht es Teile mit entsprechendem Gutachten oder eine Begutachtung durch einen amtlich anerkannten Sachverständigen für eine Einzelbetriebserlaubnis nach § 21 StVZO. Je umfangreicher der Umbau, desto mehr Nachweise sind nötig, von der Bremswirkung über Abgas- und Geräuschwerte bis zur Festigkeit geänderter Strukturen.
Weil die meisten Restomods die Fahrgestellnummer ihres Spenders tragen, bleiben sie rechtlich ein geändertes Bestandsfahrzeug und kein neues Modell. Das ist Vorteil und Pflicht zugleich: Die ursprüngliche Zulassung bildet die Grundlage, jede Änderung muss aber dokumentiert und abgenommen sein. Bei Fahrzeugen aus Italien, Großbritannien oder den USA sollten Käufer deshalb vor dem Kauf klären, welche Gutachten, Materialnachweise und Messprotokolle der Erbauer liefert.
Besonders heikel ist das H-Kennzeichen. Nach § 2 Nr. 22 der Fahrzeug-Zulassungsverordnung gilt als Oldtimer ein Fahrzeug, das vor mindestens 30 Jahren erstmals in Verkehr kam, weitestgehend dem Originalzustand entspricht, gut erhalten ist und der Pflege des kraftfahrzeugtechnischen Kulturgutes dient. Nachzuweisen ist das mit einem Gutachten nach § 23 StVZO, das ein amtlich anerkannter Prüfer nach einer im Verkehrsblatt veröffentlichten Richtlinie erstellt. Zeitgenössische Umbauten werden dabei oft geduldet, ein Motor von heute, eine Carbon-Karosserie und neue Elektronik passen dagegen kaum zum weitgehend originalen Zustand. Ohne H-Kennzeichen richtet sich die Kfz-Steuer nach Hubraum und Schadstoffklasse des Altfahrzeugs, was teuer werden kann. Verbindlich entscheiden im Einzelfall Prüfingenieur und Zulassungsstelle.
Die Wertfrage
Restomods brechen mit der Logik des Klassikermarkts, in dem Originalität, übereinstimmende Nummern von Motor und Fahrgestell und eine lückenlose Historie den Preis bestimmen. Ihr Wert hängt stattdessen am Namen des Erbauers, an der Qualität der Arbeit und an der Nachfrage nach genau diesem Projekt. Bei den bekanntesten Namen funktioniert das: Singer-Fahrzeuge wurden auf Auktionen für deutlich mehr als eine Million US-Dollar versteigert, und Kimera konnte den Preis des EVO37 binnen drei Jahren fast verdoppeln. Bei kleinen Werkstätten ohne eingeführten Namen ist der Wiederverkauf dagegen schwer, weil Käufer kaum beurteilen können, was unter der Karosserie steckt.
Hinzu kommt der Spender. Er wird verbraucht, sein Wert steckt im Endpreis. Bei einem Elfer der Generation 964, von dem mehr als 60.000 Exemplare entstanden, fällt das weniger ins Gewicht als bei einem Diablo oder einer Delta Integrale. Daraus folgt eine Faustregel: Wer einen seltenen Klassiker umbauen lässt, vernichtet Originalität, die sich nicht zurückholen lässt; bei verbreiteten Modellen kann ein gelungener Restomod dagegen begehrter sein als das Original. Als klassische Geldanlage taugt ein Restomod nur bedingt. Welche Faktoren bei Sammlerautos tatsächlich zählen, beschreibt der Beitrag Supercar als Wertanlage.
Worauf Käufer achten sollten
- Dokumentation: Gutachten zu allen geänderten Baugruppen, Messprotokolle zu Abgas und Geräusch sowie eine Liste der verbauten Teile gehören zum Auto wie der Fahrzeugbrief.
- Gewährleistung und Service: Zuständig ist der Erbauer, nicht der ursprüngliche Hersteller. Viele Bauteile sind Einzelanfertigungen, deren Nachschub an der Werkstatt hängt.
- Prüfung vor dem Kauf: Bei gebrauchten Restomods ist eine unabhängige Ankaufsuntersuchung durch einen Spezialisten Pflicht; wie sie abläuft, steht im Beitrag Der Weg zum eigenen Supercar.
- Versicherung: Ohne Marktpreisliste braucht es ein Wertgutachten, das den Umbau abbildet. Mehr zu Spezialversicherern steht im Beitrag Versicherung und Unterhalt.
Am Ende ist ein Restomod eine Liebhaberentscheidung mit klaren Bedingungen: Wer das Design eines Klassikers mit der Zuverlässigkeit und den Fahrleistungen von heute will, bekommt bei den besten Erbauern genau das. Wer dagegen auf Originalität und eine planbare Wertentwicklung setzt, ist mit einem gut restaurierten Original besser beraten.


